Babylonisches Sprachgewirr

Neulich bei einem Kunden: Beim Essen reden wir über Begriffe in unseren Modulen. Das Modul zur Erfassung eines Bedarfs heißt "Anforderung". Wir hätten es auch "Bedarfsmeldung", "Bedarfsanforderung", "Banf" oder sonst wie nennen können aber vor über 20 Jahren hat man sich bei INPLAN für "Anforderung" entschieden.  Seitdem werden Artikel und Dienstleistungen "angefordert" und die Personen, die dies tun, werden von INPLAN als "Anforderer" bezeichnet (auch wenn dieser Begriff nicht im Duden steht). 

 

Einige Mitarbeiter des Kunden sprechen nicht von "Anforderung" sondern von Bestellung. Sie bestellen die Artikel beim Einkauf oder bei ihrem Lager. Die Mitarbeiter der Abteilung "Einkauf" bestellen auch. Sie bestellen beim Lieferanten und zwar die Artikel, die die Anforderer beim Einkauf bestellt haben. Für die Mitarbeiter im Lager führen die Bestellungen, die sie bekommen, zu Lagerentnahmen. Bestellungen, die diese selber erfassen gehen an den Einkauf und dort wird beim Lieferanten bestellt. Ein Einkäufer, der mit am Tisch sitzt, merkt an, dass ein früherer Kollege auch Angebote bei den Lieferanten bestellt hat. Ich fragte den Mitarbeiter der EDV, der u. a. für den First-Level-Support zuständig ist, ob er damit keine Probleme hätte. Er erklärte mir, dass er sich zunächst die Benutzer-ID geben lässt und dann nachschaut, mit welchen Programmen dieser arbeitet. 

 

Er kannte aber noch eine andere Bezeichnung. Früher wurde nicht angefordert, sondern ge-X-st. Damals gab es ein Großrechnerprogramm für Artikel, die im Produktionsprozess benötigt wurden. Anstelle eines Menüs, wie wir es heute kennen, gab es Buchstaben-Zahlen-Kombinationen für einzelne Programmfunktionen. Die unterschiedlichen Masken für Einkaufs- und Lagerartikel begannen dabei mit "X" gefolgt von einer Zahlenfolge. 

 

Meine Gesprächspartner schlugen vor, jedes Unternehmen sollte die Namen der einzelnen Module selbst festlegen können. Die Software sollte sich schließlich an die Kunden anpassen, nicht die Kunden an die Software. Ich stellte zur Diskussion, dass sich die Software an die Benutzer und nicht die Benutzer an die Software anpassen sollten und somit vielleicht jeder für jedes Programm einen eigenen Namen festlegen könnte. Dann hätten unsere Kunden das babylonische Sprachgewirr auch im eigenen Haus und nicht nur zwischen INPLAN und seinen Kunden. 

 

Danach war dies irgendwie kein Thema mehr. 

 

Rainer Weiß